Chronik einer angekündigten Schließung

Wiener Kunstschule: Galerie Freiraum
Neu: KAMION. Zeitschrift für politische Theorien und nützliche Nachrichten aus dem Alltag von Prekarisierung und Krise.
Die Nr. 00/2014 widmet sich dem Thema: Der Aufstand der Verlegten.
Darin: Chronik der angekündigten Schließung einer Kunstschule von Tom Waibel

Bildung ist der Schauplatz einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um den Besitz von Wissen, die Reproduktion von Arbeitskraft und die Herstellung von sozialen und kulturellen Stratifizierungen. Bildungsinstitutionen wie Schule, Hochschule oder Universität sind zugleich Instrumente der gouvernementalen Kontrolle und umkämpfte Orte, an denen Konflikte um die Ausrichtung und Zugänglichkeit von gesellschaftlichen Institutionen gewonnen oder verloren werden. Am Zustand der Bildungslandschaft lassen sich die Verhältnisse diagnostizieren, von denen die Wissensgesellschaften der Gegenwart markiert sind: Im Falle Österreichs etwa führt die mangelnde soziale Durchlässigkeit des bestehenden Bildungssystems dazu, dass nur einige wenige je ein Bildungsniveau erreichen werden, das über dem ihrer Eltern liegt. Die über Jahre hinweg köchelnde Debatte über Zugangsbeschränkungen zur Bildung in diesem Land, das im europäischen Vergleich nur wenige AkademikerInnen hervorbringt, markiert einen mangelnden Sinn für soziale Gerechtigkeit und eine latente Intellektuellenfeindlichkeit. Im europäischen Kontext zeigt der fortgesetzte Ausbau kostenpflichtiger Bildungsangebote die trotz Finanz- und Schuldenkrise weiterbestehende Dominanz neoliberaler Vorstellungen von Wissen und Macht, deren immanente Rassismen an der zunehmenden institutionellen Diskrimierung von Studierenden aus Nicht-EU-Ländern sichtbar werden.

Der seit einiger Zeit in Angriff genommene Umbau des Bildungssystems basiert auf neoliberalen Konzepten von individueller Freiheit, in der das Recht auf Innovation und Kreativität auf Kosten der kollektiven Anliegen eines ›general intellect‹ durchgesetzt werden soll. Das vorherrschende Ideal neoliberaler Produktivität findet in der Idee eines autonom agierenden, kreativen und sozial völlig ungebundenen KünstlerInnensubjekts ein ideales role model. Dementsprechend tendieren die gegenwärtigen Bildungsinstitutionen dazu, ihre Ausbildungsstrukturen mit Hilfe von Markt- und Marketingmechanismen der Creative Industries umzubauen. Die bestehenden künstlerischen Ausbildungsformen sind zum bevorzugten Experimentierfeld dieser Tendenzen geworden: In Kunstschulen werden jene Paradigmen als erstes installiert, innerhalb derer die künftigen Kunst- und KulturproduzentInnen für einen umfassend flexibilisierten und prekarisierten Kreativmarkt fit gemacht werden sollen. Kunstschulen und Kunsthochschulen sind jene Bildungseinrichtungen par excellence, in denen Produktionsweisen eingeübt werden, die hohe kommunikative und kognitive Fähigkeiten voraussetzen, nahezu unbegrenzte Flexibilität im Einsatz der Arbeitskräfte verlangen und ein ebenso permanentes wie kreatives Reagieren auf Unvorhergesehenes erfordern. Hier sollen die Studierenden darauf vorbereitet werden, nicht einfach ›nur‹ Arbeitskraft, sondern darüber hinaus auch Persönlichkeit, Intellekt, Ausdrucksvermögen und Affekt in den Produktionsprozess einzubringen. Dieser Umbau des Bildungssystems ist ökonomisch von der Vorstellung getragen, Schulen und Hochschulen müssten funktionieren wie korporative Betriebe; ein Effekt der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise besteht darin, dass immer mehr Schulen nun direkt von korporativen Betrieben geführt werden.

Allerdings rentiert sich Bildung vor allem auf Kosten der Auszubildenden: Das Geheimnis der erhöhten ökonomischen Rendite, die Bildung neuerdings abwerfen soll, versteckt sich in harmlosen und allgemeinverständlichen Schlagworten wie ›lebenslanges Lernen‹ und ›permanente Weiterbildung‹. Gemeint sind damit aber durchaus nicht jene aufklärerischen oder emanzipatorischen Ideen, die historisch in den Nachbarschaftszonen der Institution Universität artikuliert wurden. Diese Gemeinplätze artikulieren nunmehr eine lebenslange Verpflichtung zur Investition ins eigene kulturelle und symbolische Kapital, um am Jahrmarkt der kognitiven Fähigkeiten dem tendentiellen Fall des eigenen Markwerts entgegenzuwirken. So wird mit einer Vielzahl von Postgraduate Programmen ein Getriebe geschmiert, dessen Funktion letztlich in einer konstanten Neubewertung von bereits erreichten Bildungsqualifikationen besteht. Die stets wiederholten Evaluierungsprozesse sind ein integraler Bestandteil von längst in Gang befindlichen gesellschaftspolitischen Verschiebungen. Gilles Deleuze hielt dazu in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften fest: »Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen.« (1)

Bildungsinstitutionen, die den Kriterien der permanenten Evaluierung und der kontinuierlich zu erhöhenden Rendite nicht genügen, wird die gouvernamentale Grundsicherung kurzerhand entzogen: Entweder werden sie im Sinne des zeitgenössischen Bildungsmarktes adaptiert, oder sie müssen zusperren. Vor dieser Alternative steht derzeit eine kleine Einrichtung für bildende und angewandte Kunst in Wien, die Wiener Kunstschule, eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht, die 1954 von der Antifaschistin und Volksbildnerin Gerda Matejka-Felden gegründet wurde. Matejka-Felden hatte bereits in der Zwischenkriegszeit Kunstkurse an Volkshochschulen angeboten, die von der Presse spöttisch als ›Arbeitslosenakademien‹ bezeichnet wurden. Während der NS-Zeit war ein vollständiges Arbeitsverbot über sie verhängt worden, und als die Akademie der Bildenden Künste in Wien nach dem 2. Weltkrieges erneut ihren Betrieb aufnahm, erhielt sie einen Lehrauftrag für Bildnerische Erziehung. Ihr Wissen um die belastete Vergangenheit zahlreicher Akademiemitglieder machte es ihr möglich, ab 1947 eine Professur in demselben Fachbereich auch gegen den erbitterten Widerstand des Kollegiums auszuüben und zur großen Empörung der akademischen Elite hielt sie am Standort der Akademie am Schillerplatz außerdem Kurse für zwei von ihr gegründete Institutionen ab, die künstlerische Volkshochschule und die Wiener Kunstschule. (2)    

Die zuletzt genannte Schule bietet seit nunmehr sechzig Jahren eine vierjährige künstlerische Ausbildung mit einigen Besonderheiten: Zur Inskription bedarf es weder einer Matura, noch einer Aufnahmsprüfung; das erste Studienjahr ist eine Art Propädeutikum, das eine Orientierung über sämtliche angebotenen Fachbereiche liefert. Die Studierenden müssen sich erst am Ende des ersten Jahres für einen (oder mehrere) Fachbereiche entscheiden und durch eine Übertrittsprüfung qualifizieren. Das trägt dazu bei, dass auch Leute, die noch keine (familiären oder schulischen) Erfahrungen mit Kunst gemacht haben, eine Chance geboten wird, künstlerisch tätig zu werden. In pädagogischer Hinsicht hat sich ein Vier-Augen-Prinzip bewährt: Die Lehre in den Fachbereichen wird von jeweils zwei KünstlerInnen gestaltet, die sich durch eigenständige und unterschiedliche Zugangsweisen charakterisieren. Das verhindert einerseits Rückfälle in längst überwunden geglaubte ›Meisterklassenprinzipien‹ und macht andererseits die Frage nach der Kommunikation verschiedener künstlerischer Sichtweisen und Praktiken zum integralen Bestandteil aller Ausbildungsbereiche. In dieser überschaubaren Institution betreuen rund vierzig Lehrbeauftragte etwa hundertsechzig Studierende, von denen alljährlich um die dreißig mit einem staatlich anerkannten Diplom abschließen. Sie haben dann eine der preiswertesten und effizientesten Kunstausbildungen dieses Landes hinter sich gebracht, an der ein Ausbildungsplatz weniger als die Hälfte eines Studienplatzes an einer Fachhochschule kostet. Dennoch soll diese Schule nach einer Übereinkunft des schulerhaltenden Vereins mit der Stadt Wien zugesperrt werden. Warum? Weshalb soll die Basisförderung der öffentlichen Hand nach sechs erfolgreichen Jahrzehnten eingespart werden?

Die Kunstschule passe in keine der bestehenden Schulformen, hieß es von Seiten der Verantwortlichen im Wiener Rathaus, damit wären ihre Abschlüsse nicht vergleichbar und dementsprechend wertlos. (3) An dieser Einschätzung erstaunt zunächst, dass sie in offensichtlichem Widerspruch zu den Gesetzesbeschlüssen der Republik steht, in denen die Diplome der Wiener Kunstschule bereits 1980 in sozialrechtlicher Hinsicht den Zeugnissen von Kunsthochschulen, Kunstakademien und zahlreicher Höheren Technischen Lehranstalten gleichstellt wurden. (4) Offenbar wird legistische Kohärenz vernachlässigbar, wenn es darum geht, eine europaweite Homogenisierung im Bildungsbereich durchzusetzen. In diesem Sinne wurde der Schulleitung nahegelegt, die Ausbildungsstätte kurzerhand in eine Fachhochschule oder ein Kolleg umzuwandeln, und damit der Eindruck erweckt, dass nur die Schulform geändert werden müsste, um eine gouvernamentale Finanzierung zu sichern. Dabei blieb völlig unberücksichtigt, dass die vorgeschlagenen Schulformen den an der Kunstschule praktizierten Prinzipien des freien Zugangs und der interdisziplinären Lehre grundsätzlich widersprechen. Die IG Bildende Kunst hielt in einer Solidaritätserklärung mit den Studierenden und Lehrenden der Wiener Kunstschule dazu fest: »Dass ausgerechnet eine Ausbildung dem Rotstift zum Opfer fallen soll, die konzeptuell quer zu den immer stärker dominierenden Bachelor- und Master-Systemen liegt, verwundert gleichzeitig wenig angesichts dem vorherrschenden Verständnis von Bildungspolitik.« (5) Die beabsichtigte Schließung der Schule verweist damit auf ein verbreitetes Symptom der gegenwärtigen bildungspolitischen Krise: Es ist – insbesondere für die Vermittlung künstlerische Zugänge – fatal, sich einem transnationalen Uniformierungsprozess von Bildung zu unterwerfen, denn wie könnte künstlerischer Ausdruck ohne Alternativen, Ausnahmen und Besonderheiten denk- oder vermittelbar bleiben? Die  Studierenden und Lehrenden artikulierten ihren Widerstand gegen die voranschreitende Ökonomisierung und Elitisierung im Bildungsbereich mit einem  fröhlichen »Ja, die Kunstschule passt in keine Schultüte und das soll auch so bleiben. Gerade weil diese Schule einzigartig ist, wird sie auch dringend gebraucht!« (6)

Selbstverständlich sind an dieser ›einzigartigen‹ Schule auch eine Reihe von Fehlern gemacht worden, die der öffentlichen Hand manches Argument geliefert hätten, um sich aus der Basisfinanzierung zurückzuziehen. Die Schulleitungen der letzten zehn Jahre hatten es allesamt systematisch verabsäumt, die curricularen Aktualisierungen, mit denen die Lehrenden auf die sich verändernden Gegebenheiten im Kunstfeld reagierten, an die zuständigen staatlichen Stellen weiterzuleiten. Der Vorstand des Trägervereins ist wiederholt daran gescheitert, zusätzliche Projekte oder Kooperationen in die Wege zu leiten, die das Weiterbestehen der Schule ermöglicht hätten. Und zu allem Überfluss ist der Vereinsvorstand bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt von einer fast krankhaften Angst vor der selbstbestimmten Beteiligung der Lehrenden an Fragen der Schulorganisation geplagt. Doch die offiziellen Begründungen der angekündigten Schließung kommen noch nicht mal in die Nähe solcher künstlerisch-pädagogischer Fragestellungen. In einer Evaluierung aus dem Jahr 2011 durch eine Kommission unklarer Zuständigkeit, die sich aus Mitgliedern der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und Beamten des BMUKK zusammensetzte, wurde gegen die Relevanz der Kunstschule in dieser Weise argumentiert: »Es ist uns keine Studie bekannt, die den Bedarf an freischaffenden Künstlern in Bezug auf unsere Gesellschaft darlegt.« (7) Es erscheint lächerlich, dass ein derartiger Satz in einer institutionellen Einschätzung vorkommen kann, denn er besagt letztlich nichts anderes, als dies: Da keine Studien im Hinblick auf die Bedeutung freier Kunst finanziert wurden, müssen Bildungsinstitutionen für freie Kunst mangels nachweisbarer Bedeutung geschlossen werden.

Die politischen Versuche zur Nivellierung und Normierung von (künstlerischer) Bildung beschränken sich, wie gesagt, nicht auf die hier exemplarisch vorgestellte Kunstschule. Allerorten haben Bildungsinstitutionen, von freien Initiativen angefangen bis hin zu Akademien und Kunstuniversitäten mit Restrukturierungen und Gesetzesvorgaben zur Einführung des Bologna-Systems zu kämpfen. Dagegen bedarf es einer entschiedenen Parteinahme für Vielfalt, Selbstbestimmung und ausreichende öffentliche Finanzierung im Bildungsbereich, denn welche Perspektiven stehen Gesellschaften offen, die ihre Institutionen für (künstlerische) Bildung zuerst schubladisieren, dann aushungern und zuletzt ganz einsparen? Wenn die Möglichkeit zu wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeit aufs Spiel gesetzt wird, steht auch die Fähigkeit, die eigene Freiheit zu behaupten auf dem Spiel und damit das Zentrum kritischer Öffentlichkeit und partizipativer Demokratie.

Anmerkungen

1   Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Unterhandlungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993, S. 257.
2   Vgl.: Wiener Kunstschule (Hg.): An Gerda Matejka-Felden, Wien: Sonderzahl 2014.
3  Brigitte Bauer-Sebek, Abteilungsleiterin der MA 13 im Wiener Rathaus in einem Pressestatement im November 2013.
4  Vgl. BGBl. 1980, 55. Verordnung.
5  Solidaritätserklärung der IG Bildende Kunst,  http://www.igbildendekunst.at/politik/brennpunkte/wienerkunstschule2014.htm
6  Pressegespräch der Wiener Kunstschule im Jänner 2014, http://www.kunstschule.at/?p=1908 
7  Evaluation Dorninger, et.al., BMUKK 2011.

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